Windkraft gilt als umweltfreundliche Energiequelle – sauber, emissionsfrei, zukunftsgerichtet. Doch mit jeder geplanten Anlage in Wohnortnähe stellt sich auch eine unbequeme Frage: Wie laut wird es wirklich? Und was bedeutet das für die Lebensqualität der Menschen, die in unmittelbarer Nähe leben?
Entsteht durch die Bewegung der Rotorblätter durch die Luft.
Besonders hörbar als periodisches "Wummern", wenn die Rotorblätter am Turm vorbeiziehen.
Entsteht durch Getriebe, Generatoren und andere mechanische Bauteile.
Kann sich über das Fundament und den Turm als Vibration ausbreiten.
Zusätzlich gibt es Infraschall: Schallwellen unterhalb der menschlichen Hörschwelle (< 20 Hz). Sie sind nicht hörbar, aber spürbar – und werden in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Einige Studien sehen darin kein gesundheitliches Risiko, andere fordern weitere Untersuchungen. Dass Menschen sich durch Infraschall beeinträchtigt fühlen, ist jedenfalls keine Einbildung – sondern ein ernstzunehmender Hinweis auf die subjektive Wahrnehmung solcher Anlagen.
Im Haistergau gelten – wie überall – die Vorgaben der „Technischen Anleitung Lärm“ (TA Lärm). Die erlaubten Werte hängen davon ab, wie das Gebiet genutzt wird:
Was zunächst nach kleinen Zahlen aussieht, ist in der Wirkung durchaus spürbar: Eine Erhöhung um 10 dB(A) entspricht einer Verdopplung der empfundenen Lautstärke (Quelle). Schon 5 dB Unterschied – etwa von 40 auf 45 dB – machen sich im Alltag deutlich bemerkbar. Besonders nachts, wenn der Umgebungslärm gering ist, wirkt selbst ein vermeintlich niedriger Pegel störend (Quelle).
Um eine Vorstellung zu bekommen, wie sich diese Dezibel-Werte im Alltag anfühlen, hier ein Vergleich:
Ein aktueller Vorfall zeigt, dass die Lärmproblematik nicht bloße Theorie ist:
Im März 2024 mussten mehrere Windräder des Windparks Königseiche bei Baiereck (Göppingen) stillgelegt werden – wegen anhaltender Beschwerden über Lärm. Betreiber der Anlagen: die Firma Uhl Windkraft Projektierung – jener Projektierer, der auch im Haistergau tätig ist.
Was dort zur Abschaltung führte, ist für viele Bürger hier ein Warnsignal. Denn:
Die in Haistergau geplanten Windräder sind noch höher, noch leistungsstärker – und könnten damit auch mehr Emissionen erzeugen. Erfahrungswerte mit Anlagen dieser Größenordnung in vergleichbaren Siedlungsnähe gibt es kaum.
Lärm ist nicht nur eine physikalische Größe. Er beeinflusst das Wohlbefinden, den Schlaf, das Sicherheitsempfinden – kurz: die Lebensqualität. Gerade in Regionen wie dem Haistergau, die für ihre Ruhe und landschaftliche Offenheit geschätzt werden, wird das zum entscheidenden Punkt. Es geht nicht nur darum, ob Grenzwerte eingehalten werden – sondern auch darum, wie sich die Anlagen im Alltag anfühlen.
Daher gilt: Wo Windkraftanlagen geplant sind, muss auch ehrlich über ihre akustische Wirkung gesprochen werden. Nicht nach dem Bau – sondern davor.
Manche Aspekte lassen sich nicht allein mit Zahlen oder Grenzwerten erfassen – insbesondere dann, wenn besondere gesundheitliche Voraussetzungen vorliegen. In unmittelbarer Nähe eines der geplanten Windradstandorte im Haistergau lebt eine Familie mit zwei Kindern, die auf Cochlea-Implantate (CI) angewiesen sind. Diese Implantate ermöglichen ihnen das Hören, erhöhen jedoch auch die Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Frequenzbereichen – darunter tieffrequenter Schall, wie er typischerweise von Windkraftanlagen ausgehen kann.
Vor diesem Hintergrund äußert die Familie nachvollziehbare Bedenken: Welche Auswirkungen könnten dauerhafte akustische Reize – insbesondere nachts – auf das Wohlbefinden und die Entwicklung der Kinder haben? Wie reagiert ein noch wachsendes Gehör auf Geräusche, die sich nicht einfach ausblenden lassen?
Besorgniserregend ist dabei weniger die technische Bewertung, als vielmehr der Umgang mit solchen Hinweisen. Rückmeldungen wie „Dann muss man eben umziehen“, zeigen, wie schnell berechtigte Einwände relativiert oder abgetan werden – statt sie ernsthaft zu prüfen. Für die Betroffenen entsteht so der Eindruck, dass individuelle Bedürfnisse kaum Gehör finden.
Diese Situation verdeutlicht, wie wichtig es ist, auch bei einer zukunftsgerichteten Energiepolitik den Blick für das Konkrete zu behalten. Es geht nicht um Ausnahmen, sondern um verantwortungsbewusste Abwägung – vor allem dann, wenn gesundheitliche Risiken im Raum stehen. Wer Entscheidungen trifft, sollte nicht nur technische Vorgaben berücksichtigen, sondern auch bereit sein, auf besondere Lebenslagen Rücksicht zu nehmen.
Schallemissionen lassen sich messen – ihre Wirkung auf das Leben der Menschen oft nicht. Wer plant, muss deshalb nicht nur technische Vorgaben einhalten, sondern auch Verantwortung zeigen: für Gesundheit, Lebensqualität und das Vertrauen derjenigen, die betroffen sind. Gerade in ländlichen Regionen, in denen Ruhe kein Luxus, sondern Alltag ist, darf Rücksicht kein Ausnahmefall sein. Denn Ruhe kann man nicht verordnen – man kann sie nur verlieren, wenn man nicht hinsieht.
Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg:
➜ Definition und Wirkung von Lärm – Pegeländerung und Lautstärke
Südwest Presse (SWP):
➜ Windpark Königseiche: Beschwerden über Lärm führen zur Abschaltung
Pro Schurwald:
➜ Windkraftanlagen am ES-02 Sumpflesberg/Königseiche ab 6. März 2025 komplett außer Betrieb genommen
Copyright © 2025 Bürgerrunde Haistergau – Alle Rechte vorbehalten.