Der Ausbau erneuerbarer Energien gilt als Schlüssel zur Energiewende – und doch zeigt sich zunehmend: Mehr Windräder allein lösen kein einziges Problem, wenn es an der passenden Infrastruktur fehlt. Strom muss nicht nur erzeugt, sondern auch gespeichert, transportiert und sinnvoll genutzt werden können. Und genau hier liegt das eigentliche Nadelöhr.
Ein Blick auf die Strommarktdaten zeigt ein irritierendes Phänomen: Je mehr erneuerbare Energie erzeugt wird, desto öfter gerät das System aus dem Takt. Im Mai 2025 verzeichnete Deutschland mehr als 112 Stunden mit negativen Strompreisen, berichtet das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Am 11. Mai sank der Preis an der Strombörse EPEX Spot sogar auf –250 Euro pro Megawattstunde – ein historischer Tiefstand.
Im gesamten Jahr 2024 zählte die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) 459 solcher Stunden. Das heißt: Fast täglich eine Stunde, in der Strom im Überfluss vorhanden war – aber keiner ihn haben wollte (Quelle).
Dieses Ungleichgewicht bleibt nicht folgenlos. Der Gesetzgeber hat reagiert – mit dem sogenannten „Solarpaket I“. Seit dem 25. Februar 2025 gilt: Photovoltaikanlagen erhalten während Zeiten mit negativen Preisen keine Einspeisevergütung mehr. Die entgangene Förderung soll durch eine spätere Verlängerung der Laufzeit ausgeglichen werden (Quelle)
Das ist ein Eingeständnis: Die reine Erzeugung von Strom, so „grün“ sie auch sein mag, genügt nicht – wenn die Nachfrage fehlt oder die Netze überlastet sind. Der Ausbau von Wind- und Solaranlagen geschieht schneller als der Ausbau von Stromleitungen, Pufferspeichern oder Lastmanagementsystemen.
Der eigentliche Engpass liegt heute nicht mehr im Wind, sondern im Netz. In vielen Regionen fehlt es an Speicherkapazitäten, um überschüssigen Strom zwischenzulagern – etwa in Batterien, Pumpspeicherkraftwerken oder dezentralen Lösungen. Auch flexible Verbraucher, die Strom dann nutzen, wenn er günstig verfügbar ist, sind bisher die Ausnahme.
Beispiele wie Tiefkühllager in Norddeutschland, die ihre Kühlleistung nach dem Strompreis steuern, zeigen das Potenzial. Doch solche Modelle bleiben Insellösungen – während an anderer Stelle Windparks entstehen, deren Strom zur falschen Zeit ins Netz drückt oder ganz abgeregelt werden muss.
Was in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Selbst bei massivem Ausbau von Wind- und Solarenergie bleibt Deutschland nicht autark, solange Strom nicht zuverlässig gespeichert oder flexibel verbraucht werden kann. Denn Strom muss immer in dem Moment bereitstehen, in dem er gebraucht wird – nicht erst, wenn Wind oder Sonne zurückkehren.
Deshalb müssen konventionelle Kraftwerke, etwa Gaskraftwerke oder Braunkohlekraftwerke, im Hintergrund auf Stand-by laufen – auch dann, wenn sie gerade nicht einspeisen. Diese sogenannte „kalte Reserve“ ist notwendig, um kurzfristige Versorgungslücken auszugleichen. Doch auch im Bereitschaftsbetrieb verursachen diese Anlagen Kosten und Emissionen. Und wer glaubt, das System sei emissionsfrei, sobald der Wind weht, übersieht: Ohne Grundlastkraftwerke im Hintergrund bleibt die Versorgung instabil.
Hinzu kommt: In Mangellagen wird zunehmend Strom aus dem Ausland importiert – oft aus Ländern, in denen der Strommix weit weniger „grün“ ist als in Deutschland. Sich dann auf dem Papier als klimaneutral zu bezeichnen, wirkt für viele Bürgerinnen und Bürger nicht glaubwürdig. Denn Versorgungssicherheit ist keine nationale Fassade – sondern ein europäischer Realitätstest.
Die Zahlen machen deutlich: Es entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht. Erzeugung wächst, Nutzung hinkt hinterher. Aus Sicht vieler Bürger wirkt der Ausbau der Windkraft zunehmend planlos – mehr Anlagen, aber keine Antwort auf die Frage, wie der erzeugte Strom in sinnvolle Bahnen gelenkt werden soll.
Gerade in Regionen wie dem Haistergau führt das zu berechtigter Skepsis. Denn wenn vor Ort Windräder gebaut werden, ohne dass die nötigen Voraussetzungen für Netzanbindung, Speicher oder lokale Nutzung geschaffen sind, bleibt bei vielen das Gefühl zurück, dass die Lasten verteilt werden – aber nicht der Nutzen.
Die Energiewende braucht mehr als Technik. Sie braucht System. Wer erneuerbare Energien glaubwürdig ausbauen will, muss dafür sorgen, dass Erzeugung, Speicherung und Verbrauch zusammen gedacht werden. Sonst entstehen neue Probleme – statt alte zu lösen.
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